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… was unter die Finger kommt …

Und das Wort ist Schrift geworden: Wie Zeichen Zeichen setzen im digitalen Text und was uns an Substanz verloren geht

von Raymond Wiseman

Ich erinnere mich jener Tage, als ich – zu schulischer Leistung gezwungen – mir Goethes “Seelige Sehnsucht” einprägte. Die Prägung hat Bestand und reicht durchaus über mich hinaus, auch wenn meine lieben Mitmenschen meine Rezitation spätestens bei “höherer Begattung” stoppen. Ehrlich gesagt: Auf ihr “Genug, genug” höre ich gerne, bevor meine Lücken im Text beginnen.

Dem entgegen steht die Schriftform des Textes. Hier kann alles weitergegeben werden, was aufgezeichnet wird. Das Aufzeichnen von Zusammenhängen ist nicht neu. Wer möchte, kann unter diesem Aspekt mit den ersten Höhlenmalereien die Reise in der Vergangenheit beginnen. Daß die Schrift sich zum Zeichen, der reduzierten Zeichnung entwickelte, ist ein kulturgeschichtliches Phänomen. Hierbei mag neben anderen Aspekten einerseits der Wunsch nach allgemeiner Verständlichkeit, andererseits die menschliche Bequemlichkeit eine Rolle gespielt haben.

Es gab Zeiten, da wäre solches Vergessen – kollektiv gesehen – der Untergang des Textes gewesen. Dies galt und gilt noch immer für jene Texte, die nicht in Schriftform festgehalten wurden. Ein nicht gar so altes Beispiel sind die Hausmärchen, denen das Bemühem der Grimms die Schriftform gab. Zwar hängt die mündliche Überlieferung meist nicht vom Kopf des Einzelnen ab, denn das Überleben des Textes wird durch die Erinnerung vieler Interessenten gesichert. Doch hierin liegt gleichzeitig ein wesentlicher Schlüssel: Bewahrt wird nur das Interessante. Was nicht der Rede wert war, findet keine Überlieferung.

Die Zeichensätze, die nicht aus Bildern, sondern aus Buchstaben bestanden, waren leichter erlernbar und auch einfacher zu schreiben. Schriftkenntnisse verbreiteten sich und waren mit der Zeit nicht länger einigen Gelehrten vorbehalten. Wer schreiben konnte, hatte die Möglichkeit festzuhalten, was er wollte. Ausschlaggebend für die Übermittlung war nicht mehr, daß interessant war, was gesagt wurde. Es wurde ja geschrieben. Das Geschriebene brauchte nicht einmal gelesen zu werden. Das Schreiben reichte, um es zu konservieren. Die einfachere Handhabbarkeit der Zeichen macht es möglich. Solange Worte rar waren, waren die Sätze getragen von Sinn. Und solange die Druckmedien fehlten, war jedes Wort gezeichnet von der Linienführung einer Hand.

Mit Gutenberg kam dann die Schrift in die Maschine und in der Folge der Sinn der Buchstaben unter die Räder. Nicht länger die Worte, in denen sie geschrieben standen, bestimmten ihre Sinngehalte, sondern sie wurden austauschbar wie eben einzelne Lettern. Zwar hatten Lettern noch Substanz, doch diese waren ungebunden, ohne Inhalt. Erst der Druck, die Fixierung auf der Seite, bändigte die freie Fluktuation, fasste sie in bleibende Wörter, Sätze, Abschnitte, deren Bögen gefalzt, gelegt, geheftet oder geleimt zum Buchblock oder Zeitung.

Die Texte aber, die mir heute Textverarbeitung und Internet, Downloadbücher und ePaper, PCs und digitale Lesemaschinen bescheren, fehlt dieser Zusammenhang. Sie lösen sich wieder auf: Texte lassen sich aus dem Zusammenhang, Aussagen aus dem Kontext und Zeichen aus den Wörtern entfernen. Und mehr noch.

Wenn ich heute den PC anschalte und die Textverarbeitung starte, kann ich Texte verfassen mit Zeichen, die jeder Substanz entbehren. War der einzelne Buchstabe bislang wenigstens noch ein greifbares Element, so tritt er nun als ein Konglomerat einzelner Punkte in Erscheinung. Allein hat keiner dieser Punkte einen Wert. Er birgt nichts, hat kein Gesicht, und kann beinahe bedenkenlos gegen jeden anderen Punkt getauscht werden, ohne dass dies irgendeinen Sinn änderte.

Vom Satz, den Menschen miteinander wechselten, über das Bild zum Zeichen. Vom Zeichen, das mit der Hand gezeichnet das einzelne Wort schrieb, über die wiederverwendbaren Lettern zum Punkt.

Die Punkte setzen mir nun alle Texte in jeder Gestalt zusammen. Endlich habe ich – rein theoretisch – die Schriften dieser Welt auf meinem Rechner. 426 Fonts zähle ich soeben. Die Zahl wächst mit jedem Tag: Die Welt der Schrift, sie paßt auf meinen Monitor. Die Schrift des Textes wechsle ich per Mausklick. Des Textes Inhalt, er bleibt unberührt. Blieb er tatsächlich gleich?

Seit Menschen Hand in Stein die ersten Zeichen gruben, hat auch das Medium Gewicht. Und seine Schwere oder Leichtigkeit, sie hält sich durch. Sie trägt und wird getragen. Sie prägt das, was zu sagen war, geschrieben wurde, eingegeben ist. Uns fällt die Eingabe so leicht, wie Tasten klappern, gelöscht ist schnell, nichts hat Bestand. So einfach ist die Eingabe, daß sich auf Eingebungen schnell verzichten läßt. Der schöne Text ist das geschätzte Resultat.

Der Inhalt wird so weich, wie jene Software die ihn faßt. Und Niederschrift ist schließlich das Ergebnis dieser Rechnung: Plus/Minus/Null. Was bleibt zu sagen?

Tut ein Schilf sich doch hervor
Welten zu versüßen.
Möge meinem Schreiberohr
Liebliches entfließen!
(J.W.Goethe, West-östlicher Divan,
Nachsatz zum Gedicht “Seelige Sehnsucht”)

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