Quo vadis, Cebit: Am Ende erfolgreich, doch ohne neue Perspektive – Asus, AVM, Devolo, LG & Microsoft zeigen sich zufrieden mit Staus Quo
von Raymond Wiseman
Die Cebit ging am heutigen Sonntag zu Ende und Ernst Raue, CeBIT-Vorstand der Deutschen Messe AG, resümierte: „Viele Aussteller und Besucher verlassen Hannover mit neuer Hoffnung, vollen Auftragsbüchern und einer soliden Basis für neues Geschäft.“
Man kann es drehen und wenden wie man will: Bei beinahe allen Messegesprächen stand immer wieder die Frage nach den künftigen Perspektiven der Cebit im Raum. Und während Netbooks und Touchscreens als technische Messetrends gefeiert wurden und laut Deutsche Messe AG 400.000 Besucher der Cebit Stärke verliehen, erinnert sich mancher noch an die Blütezeiten mit weit mehr als eine halben Million Besuchern einer kaum fassbaren Innovationsfülle oder sogar noch weiter zurück, bis an die Anfänge.
Begonnen hat die Cebit , nur die älteren unter uns erinnern sich, als Teil der Hannover Industriemesse. Nachdem die Büroindustrie 1970 auf der Hannover Messe eine eigene Halle beziehen konnte, stand auch der Name fest: Centrum der Büro- und Informationstechnik, kurz CeBIT. Und unter diesem Namen wuchs und gedeihte die Industriemessen-Tochter, okkupierte weitere Hallen und öffnete schließlich am 12. März 1986 unabhängig von seiner Mutter-Messe seine Tore. Eine kluge Entscheidung, zumindest für die CeBIT, die in den folgenden Jahren kräftig zulegte und zehn Jahre später ihren Zenit erreichte. Dann aber ging es erst schleichend, dann aber rapider abwärts: Sanken zunächst die Besucherzahlen durch eine Anhebung der Eintrittspreise, misslang parallel dazu die Umleitung der Endkundenthemen auf die Cebit-Home.
Außerdem erlebte die Cebit, was ihr selbst einst ins Dasein verholfen hatte: War sie einst Ableger der Hannover Messe, so verließen nun Mobiltelefonie und Unterhaltungstechnologie das büro- und informationstechnische Elternhaus, das nach dem Wegzug der Kinder deutlich leerer erschien. Hinzu kamen dann noch zwei rezessive Phasen, einerseits zum Jahrhundertwechsel das Platzen der New-Economy-Blase, andererseits die aktuelle, gravierendere ökonomische Krise. In solchem Umfeld und in deutlich geleerten Hallen liegt die Frage auf der Hand, ob sich eine Cebit-Teilnahme noch lohnt.
Wer immer auf oder neben der Cebit den Gesprächen am Nachbartisch ein halbes Ohr schenkte, hörte in der Diskussion von Firmenvertretern ähnliche Anklänge: Sei es die Enttäuschung über halbleere Hallen, deren Attraktivität durch das Fehlen maßgebliche Mitbewerber gemindert wird, sei es die Klage über die hohen Kosten der Messepräsenz. Doch auf Nachfrage wir nicht der Unmut, sondern die positive Perspektive betont. Hier also noch einmal einige Statements zur aktuellen Cebit:
Denn in der aktuellen Mischung inklusive des Rahmenprogramms und der starken Pressepräsenz erweise sich die Cebit als Informationsplattform für Endkunden bis hin zum Kontaktforum für Händler und Hersteller.
Auch Jerry Shen, der Vorstandsvorsitzende von Asus, hat keine Änderungswünsche in Sachen Cebit. Der Leiter des IT-Schwergewichts zeigt sich zufrieden: Asus habe hier Gelegenheit seine Stärke und seine reichhaltige Produktpalette zu zeigen. Für ihn rangiert die Cebit noch immer unter den ersten Dreien. „Die Cebit ist als internationale Plattform gleichrangig zur CES und zur Computex. Dies sind für Asus die drei wichtigsten Messen.“ So steht die Cebit-Präsenz für ihn auch für die kommenden Jahren auch außer Frage: „Selbstverständlich werden wir teilnehmen und die Chance nutzen, unsere Innovationen unseren Partnern und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dafür haben wir dieses Jahr unsere Standfläche verdoppelt.“ Darüber hinaus will Asus auch daran festhalten, exklusiv zur Cebit aktuelle Weltneuheiten zu präsentieren.
AVM, Hersteller der beliebten Fritz!Box, nutzt die Cebit ebenfalls als Bühne für die neuen Produkte. So ist auch hier das Bekenntnis eindeutig:
Dennoch hätte Johannes Nill nichts dagegen einzuwenden, wenn die Cebit um den Sonntag gekürzt wird. „So könnten wir in den ersten Wochentagen die Kontakte zu unseren Geschäftpartnern und der Presse pflegen und hätten dann die letzten Wochentage, vornehmlich den Samstag für die verstärkten Besuche der Endkunden.“ Dafür sei es allerdings wichtig, dass die Hallen ihren thematischen Zugeffekt behalten und nicht ausdünnen.
Diese Aussage ließe sich auch an Devolo adressieren, die momentan nur wenige Schritte vom AVM-Stand entfernt sind. Dort ist man zwar zufrieden, doch denkt anscheinend über Änderungen nach. Christoph Rösseler, Pressesprecher von Devolo hebt hervor, dass die Deutsche Messe AG eine professionelle Dienstleistung böte und zuvorkommend auf ihre Bedürfnisse als Aussteller einginge. So fühle sich Devolo auf der Cebit, gut aufgehoben. Allerdings wäre der Endkundenkontakt exorbitant teuer, so dass man sich in Zukunft auch vorstellen könne, in den boomenden Reseller-Bereich zu wechseln, der lediglich Händlern und der Presse offenstehe. Einen wichtigen Effekt der Cebit identifiziert Rösseler im Vorfeld der Messe: „Dadurch dass die gesamte Firma mit ihrer Außenpräsentation und ihren Neuerungen auf einen Punkt ausgerichtet ist entsteht im Unternehmen eine ungeheure, produktive Dynamik.“
Im abgeschlossenen Reseller-Bereich hat bereits LG sein Lager aufgeschlagen, bleibt somit verschont vor Laufpublikum und kann sich Händlern und Presse widmen. Unter dieser Prämisse zeigt sich Ulrich Kemp denn auch sehr zufrieden.
Wie aber sollte so eine Wurzelbehandlung aussehen, nachdem die Cebit in den letzten Jahren wichtige Teilbereiche verloren hat? Aggressiv auf Rückgewinnungskurs gehen? Oder lieber weiter schrumpfen, bis vielleicht letztlich wieder alles in Halle 1 passt. Wir erinnern uns: Erst letztes Jahr wurde das Ungetüm, einst als „weltgrößte ebenerdige Messehalle“ Einzug ins Guiness-Buch der Rekorde gehalten hatte, geschlossen. Noch wäre also Zeit für einen Kurswechsel. Ob die Notwendigkeit dazu jedoch gesehen wird, ist zweifelhaft angesichts der positiven Statements und in Anbetracht von Raues Schlusswort zur Cebit 2009: „Wir sind sehr zufrieden. Diese Cebit hat sich für Aussteller und Besucher gelohnt. Sie war hocheffizient.”
Ein bisschen zu offensiv wirkt die Zufriedenheit dann doch angesichts des Aussteller- und Benutzerrückgangs. Zwischen Ahnenforschung und Wurzelfüllung: Da sollte sich die Cebit noch mal auf den (alten) Zahn fühlen lassen.

