Microsofts Spagat: Kommt Windows 7 mit oder ohne Internet Explorer? Microsoft braucht Handlungssicherheit für sein wichtigstes Produkt
von Raymond Wiseman
Ein Betriebssystem ohne Browser, das war der letzte Stand der Dinge in Windows 7, jedenfalls soweit es Europa betrifft. Der Internet Explorer sollte bei Windows 7 fehlen. Mit diesem Schritt wollte Microsoft in vorauseilendem Gehorsam die Anforderungen des laufenden Kartellverfahrens der EU-Kommision erfüllen. Doch diese Entscheidung trifft bei der EU-Kommission nicht auf reine Gegenliebe. Verständlich. Statt dem Anwender ein funktionierendes System zu bieten – und hierzu gehört heute auch der Zugang zum Internet – sollte der Anwender erst einmal nachinstallieren. Leichter gesagt, als getan: Denn da der Browser im System fehlt, lassen sich Alternativen ja nicht online beziehen. Also muss ein Datenträger vorliegen, auf dem Firefox, Opera, Chrome, Safari, irgendein anderer Browser oder sogar der Internet Explorer zur Nachinstallation bereitstehen. Das ist nicht anwenderfreundlich, sondern eine Farce.
Lieber sähe es die EU-Kommision, wenn der Anwender direkt bei der Installation die Wahl zwischen verschiedenen Browsern hätte. Die preferrierte Lösung: Microsoft soll auch die Produkte des Mitbewerbs distribuieren. Mag das auch für den Nutzer attraktiv sein, so erscheint es geschäftspolitisch einigermaßen absurd. Immerhin geht es für Microsofts Internet Explorer – einst mit über 90 Prozent Marktführer – längst darum, beim Rennen um Marktanteile im Browser-Markt keinen Boden zu verlieren.
Wer würde sich gerne zum Steigbügelhalter der Konkurrenz machen. Aber manchmal geht es anscheinend nicht anders, wenn man selbst aufs Pferd und ins Rennen kommen will. Daher versucht Microsoft es mit einem neuen Vorschlag: Der Internet Explorer selbst bietet aber dem Anwender direkt eine Auswahl verschiedener Alternativen an, mit denen der Anwender ihn ersetzen kann. In den Auswahlbildschirm (Ballot Screen genannt) sollen maximal 10 Anwendungen aufgenommen werden, die in Europa mindestens 0,5 Prozent Marktanteil haben. Das bietet zumindest auf dem Papier eine Chance auch für kleinere Mitbewerber (nicht aber für Nischenprodukte) in die engere Auswahl zu kommen. Bezogen werden die ausgesuchten Browser dann von den Webseiten der Hersteller. Zusätzlich kann der Internet Explorer auch deaktiviert werden. In diesem Fall will Microsoft auch darauf verzichten, den Internet Explorer über Windows Updates anzubieten und ihn im System mit Installationslinks zu bewerben.
So weit, so gut. Doch Microsofts Angebot geht weiter: Der Auswahlbildschirm ist nämlich nicht auf Windows 7 beschränkt, sondern soll über Windows Update auch bei Windows XP und Vista angezeigt werden. Das Entegenkommen von Microsoft hat allerdings seinen Preis. Die EU soll auf die angedrohten Bussgelder und Strafen verzichten. Rund 2 Milliarden Euro – so viel ist Microsoft offensichtlich der Internet Explorer in Europa doch nicht wert. Offen bleibt aber die Frage, was sich die EU den Spaß kosten lassen will und ob ihnen. Somit ist noch keine Entscheidung getroffen.
Die termingerechte Markteinführung von Windows 7 am 22. Oktober aber ist für das Unternehmen wichtig. Die Quartalszahlen sprechen für sich. Daher wird die momentan avisierte finale Konfiguration keinen Internet Explorer enthalten.
[Update im Gedicht:
Microsoft hat umvisiert
und Windows wieder umfrisiert,
wie vorher
mit Explorer]
Die finale englische Version wird für Hard- und Software-Hersteller mit Connect-Zugang und Abonnenten von Microsofts MSDN und Technet ab 6. Oktober bereitstehen, andere Sprachen gibt es erst ab 1. Oktober.
Ziemlich sicher ist es, dass es sich bei europäischen Endprodukten von Windows 7 um Versionen ohne [Update: mit] Internet Explorer handeln wird. Was die Windows-7-Versionen, die vorinstalliert auf Rechnern ausgeliefert werden, soll die Variante mit dem Browser-Auswahlbildschirm in Angriff genommen werden, sobald die EU-Kommission dem Vorschlag zustimmt. [Update: Dann soll der Ballot Screen über Windows Update online auf alle Windows 7 Rechner übertragen werden und der Kunde hat die Wahl, aber nur wenn das Online-Update aktiviert ist. Dann allerdings etwas später auch auf XP und Vista.] Anders sieht es bei den Produkten für Endverbraucher aus. Die werden wohl erst einmal ohne Internet Explorer und integrierte Wahlmöglichkeit auf den Markt kommen. Eine Änderung greift hier wohl erst, wenn nach der Zustimmung der Wettbewerbsbehörde die Produkte mit dem großen E für Europäisch (beispielsweise Windows 7 Home Premium E) ausverkauft sind. Danach könnte Microsoft dann auch in Europa wieder zur gewohnten Upgrade-Politik zurückkehren, bei der sich die neue Version über den Vorgänger überinstallieren lässt. Dies würde die angekündigte Prozedur, bei der nur die komplette Neuinstallation möglich ist, ersparen. Andererseits bräuchte Microsoft keine Vollversionen mehr zum Upgrade-Preis verkaufen.
Das wäre sicherlich ein Bonus fürs Unternehmen. Der Malus aber bleibt, dass das weltgrößte Softwarehaus offensichtlich willens ist, seine Geschäftspolitik beeinflussen zu lassen, ohne dass eine rechtskräftige Entscheidung seitens der EU vorliegt. Das kann als Zeichen der Schwäche oder des guten Willen gewertet werden. Lässt sich Microsoft durch Einsparungen in Milliardenhöhe den Schneid abkaufen oder sucht es schlicht den besten Weg zum Verbraucher. Ob “Hü” oder “Hott”: Zu solchen Zugeständnissen war Microsoft früher nicht bereit. Für die Konsumenten aber hat die Gesprächsbereitschaft ihr Gutes. Und sie zeigt , dass all jene aufs falsche Pferd gesetzt haben, die Microsoft auf dem Weg zur Weltherrschaft wähnten. Die Märkte sind eben volatil. Diese Panik war überflüssig.
[Update]
Die Entscheidung ist getroffen: Microsoft bringt Windows 7 in Europa genau so wie für die anderen User dieser Welt mit Internet Explorer 8. Wenn die EU-Kommission ihr Ja-Wort gibt zum Ballot Screen, macht Microsoft in Zukunft Reklame für die Konkurrenz, schweren Herzens. Wenn nicht, dann gibt’s bald eine neue Runde bei der heiteren Versionensuche. Kommt dann vielleicht doch noch Windows 7 E, äh?



















