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… was unter die Finger kommt …

Free von Chris Anderson ist als Lektüre umsonst: Das Buch Free lässt sich im Internet kostenlos lesen, transatlantisch aber nur mit Gratis-Trick

von Raymond Wiseman

Klau mich Foto von Helmut Mews“Klau mich” hieß das Buch, und sein Titel war ein Dilemma. Es stand im Regal unserer Düsseldorfer Lieblingsbuchhandlung Niepel, und das hinderte uns daran, einfach ins Regal zu greifen. Andererseits lag es uns fern, der eindeutigen Aufforderung zu widersprechen und brav an der Kasse für das Machwerk von Rainer Langhans und Fritz Teufel zu zahlen. Das schien uns doch zu bürgerlich. Und so blieb das Paperback, wo es war, wobei wir heute nicht einmal mehr wissen, ob es die 68er Originalausgabe der Edition Voltaire war (die noch eine pornografische Beilage enthielt) oder einer der Nachdrucke von Rixdorfer oder Trikont. Egal. Es hat uns nie gefehlt, war somit tatsächlich umsonst.

Mit “Free” hat nun hat Cris Anderson, der Wired-Chefredateur der Printausgabe, ein Buch veröffentlicht, das sich genau diesem Thema – der Gratiskultur – widmet. Seine These auf den provokativen Punkt gebracht: Produkte, die digital verfügbar sind, werden kostenfrei sein. Wie sich dennoch damit Geld verdienen lässt, erläutert er in seinem Buch, das im Buchhandel zu kaufen oder im Internet kostenlos bei Scribd als Leseexemplar bereitsteht.

FreeBookDieses generöse, gleichwohl konsequente Angebot gilt allerdings nur für Amerikaner. Wer von außerhalb, beispielsweise aus Deutschland auf den Gratislesestoff zugreift, stößt an die nationalen Grenzen des Internets: “Sorry, this content is geographically restricted” heißt es ebenso lapidar wie anachronistisch. Wie albern, die Zukunft der Web-Economy im radikalen Verzicht auf bezahlte Inhalte zu sehen, dann aber auf Grenzkontrollen zu setzen. Das ist so gestrig, dass der Rest des Buches als Atitüde erscheint.

Na klar, wer seine Rechte international vermarkten möchte, nimmt Rücksicht auf die Interessen der Lizenznehmer. Da wäre nichts gegen zu sagen, wenn Chris Anderson nicht ausgerechnet ein Buch dagegen schreiben würde. So führt er sein Werk als Geblubber ad absurdum, auch wenn die eine oder andere Prognose sicherlich eintritt und manches, von dem, was er preist schon längst eingepreist wurde ins Internetgeschäft. Was nach Abzug seiner mißlungenen Marketingaktion und den Gemeinplätzen des Werkes bleibt, wird in seiner Bedeutung und Wirkung kaum über “Klau mich” hinausgehen.

Wer aber trotz allem einen Blick hinter dem transatlantischen Vorhang aufs Werk werfen möchte, der kann die Free-Barriere überschreiten, indem er die Scribd-Verbindung über einen amerikanischen Proxyserver aufnimmt.

Die Umleitung über den Proxy braucht allerdings ihre Zeit. Wenn nach einigen Minuten das Buch komplett geladen ist, lässt es sich dann im Flash-Fenster durchblättern. Drucken und speichern lässt sich Free jedoch nicht, aber Lesen. Allein: Über 250 Seiten am Bildschirm sind ermüdend. Das ist auch für die amerikanische Klientel nicht anders. Wer sich trotz aller Hemmnisse durch das Regionalwerk kämpft, dem schwappt neben einigen neuen Überlegungen viel bereits Bekanntes entgegen. Den Stein der Weisen wirft Anderson zumindest nicht in die Wellen des Webs.

Wie wenig neu viele von Andersons Gedanken sind, klärt rasch und ohne Umstände ein alter Artikel von Wolf Lotter, der bereits im Jahr 2000 in Brandeins erschien (Heft 10/2000): Eine Frage des Preises. Damals hat mancher noch etwas anderes gemacht und gelacht. Und das ist recht und billig.


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