Bodycheck für Couchpotatoes – Microsoft Kinect bringt Bewegung ins Spiel der Xbox 360
von Raymond Wiseman
Eine Woche ist es her, dass Microsoft Kinect in Los Angeles präsentierte. Der Sensor entwickelt als Project Natal soll die Computerbedienung in Zukunft revolutionieren: Das Benutzerinterface ist der Benutzer selbst, der mit Hand und Fuß, Körperbewegungen, Gesichtserkennung und Spracheingabe die Steuerung übernimmt. Allerdings reicht die Technik – so will es Microsoft – bei Ihrer Markteinfühung nicht über die Xbox 360 hinaus. Und hier wird sie höchstens Spieler vom Sessel reißen.
So nahe es liegt, das neue Actiondevice der agilsten Benutzergruppe anzudienen, es birgt gleichzeitig die Gefahr der verlorenen Chance. Denn so attraktiv auch das Spielen mit vollem Körpereinsatz ist, weitaus höhere Potenz haben die Bewegungen, wenn es um die Navigation in Medien und Datenräumen geht. Nicht nur, dass eine berührungslose Steuerung uns die Fingerabdrücke auf Touchscreens – abgefangen vom Handy über den PC-Bildschirm bis zum Public Display ersparen würde – es böte durch dreidimensionale Bewegungen auch neue Möglichkeiten, Musik- und Filmwiedergabe zu steuern, Bilder zu vergrößern und zu drehen. Aber auch die Handhabung auf Dokumente und Präsentationen, Tabellen, Diagramme und Datenbanken gewönne eine neue Perspektive.
Hinzu kommt die avisierte Sprachsteuerung, die Befehle wie Start und Stopp, Lautstärke und andere Einstellungen auf gesprochene Befehle reduziert. Mit integriertem Infrarotsender und leistungsstärkerer Hardware ließen sich sogar traditionelle Fernbedienungen ablösen. Der Senderwechsel am Fernsehgerät auf einen Wink erscheint ebenso machbar wie die Wahl eines Musikinterpreten durchs Nennen seines Namens. In Verbindung mit Songsammlungen im Internet, Web-Nachrichtendiensten und Video-on-Demand eröffnete sich der Zugang zu diesen Quellen vom heimischen Sofa auch für Endverbraucher, die sich – zumindest hier – mit Maus, Tastatur oder anderen Eingabeinstrumenten nie anfreunden konnten. Mit Gesten ließen sich virtuelle Kommunikationsgruppen zusammenfassen auf Fingerzeig Konferenzschaltungen starten, gleichgültig ob im familiären oder im geschäftlichen Umfeld.
Kinect gibt einen Anstoß, der neue Bewegung in die Steuerung vieler Geräte bringen könnte. Die nächsten Jahre werden erweisen, wer dieses Potential als erster nutzt und attraktiv umzusetzen versteht, beispielsweise mit Sensoren, die über Infrarotschnittstellen Geräte steuern, die heute noch proprietäre Fernbedienungen brauchen. Denn auch wenn Microsofts Technik patentrechtlich geschützt ist und werden die Mitbewerber nicht lange auf sich warten lassen. Nicht nur die Hersteller von Spielekonsolen wie Nintendo oder Sony, sondern auch konkurrierende Soft- und Hardwareunternehmen wie Apple werden die Hürde nehmen, deren Latte Microsoft hoch gelegt hat. Ein technischer Vorsprung allein reicht nicht aus. Es gilt, das Thema Bedienung intellektuell zu besetzen und voranzutreiben. Wenn Microsoft mit Project Natal auf Dauer Marktführer für die neue Bedientechnik werden will, muss es die Optionen rasch in zahlreichen Bauformen und Gerätevarianten anbieten, bevor es andere tun. Vor allem aber zählt in Zukunft, wer mit den selbstverständlichsten Gesten aufwartet, mit denen wir intuitiv und ohne Bedienungsanleitung auf unsere Geräte zugreifen.



















